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„Zwischen Pinsel und Piano", Graupa, Museum Richard Wagner-Stätten

Von Dr. Peter Ufer

Spandlitz mag es offen, leicht, fließend. Er liebt Spielräume, so sagt er. Deshalb ist er hier in den Wagner-Stätten Graupa mit seiner Ausstellung genau richtig. Denn er versetzt uns in eine spielerische Stimmung.

Richard Wagner schuf für sich genau solche Spielräume. Schon als Kind inszenierte er in seiner Geburtsstadt Leipzig in der Wohnung Puppentheater. Der spätere Komponist baute die ersten Kulissen um sich herum, entdeckte die Musik als künstlerischen Schutzraum und folgte seinem unbändigen Spieltrieb.

Spandlitz treibt es ebenfalls bunt. Er setzt dem Komponisten in einem Bild Kopfhörer auf. Und natürlich fragt sich der Betrachter, was hört der Mann da, was sieht er hinter seinen geschlossenen Augen. Denkt er daran, wie er flüchtete. Immer war er auf der Flucht. Vor dem gaffenden Publikum. Vor den doofen Kritikern, den Spöttern, den gierigen Gläubigern, der Polizei, den Frauen, den Krankheiten. Er traute keinem und niemanden - nur der Flucht in die Kunst.

Wir sehen in dem Wagner-Porträt ein leichtes Lächeln. Der Operngigant verspottete die Welt, wie sie ihn verspottete. Wagner machte sich lächerlich, um mit vorgetäuschter Schwäche durchzukommen. Humor war sein Überlebensmittel. Zwischen Selbstzweifel und Selbstüberschätzung benutzte der gebürtige Leipziger den Scherz zur Schmerzabwehr. Er sagte: „Wäre ich ein Schafskopf, hieße ich nicht Wagner, denn alle Wagners sind besonders geniale Leute, wie man schon im Faust sehen kann.“ Wer den Sachsen ernst nehmen will, muss auch seinen Humor ernst nehmen. Wer da in Gelächter ausbricht, kommt ihm nah. Wagner sagte: „Inmitten der Bitterkeit funkelt der Witz.“

Spandlitz setzt mit seinen Ansichten Wagners Lebens-Leitmotiv in skizzenhafte Bilder um, die Melodien gleichen. Er lässt in Farben etwas anklingen, was unaussprechlich ist. In einem anderen Bild, sehen wir, ganz in Grün, ein Streichquartett. Die Zeichnung der weißköpfigen Musikusse malt karikierend das kleine Orchester aus. Vielleicht eine Satire, so wie Wagner in all seiner scheinbaren Ernsthaftigkeit auch immer mit Ironie spielte.

Er hatte immer die Lacher auf seiner Seite, die anderen feixten über seine Witze. Aber vor allem über ihn, die sächselnde Witzfigur. Ein „Friseur und Scharlatan“ sei er, schrieb der Schweizer Dichter Gottfried Keller. Felix Mendelssohn Bartholdy bezeichnete Wagner als „geistreichen Dilettanten“ und Musikkritiker Heinrich Dorn meinte, der Komponist hielt „jedes seiner Exkremente für den Ausfluss einer göttlichen Eingebung“. Richard Wagner ärgerte sich darüber. Und er juchzte über derlei Komplimente. Er wusste besser als alle anderen, was er war: „Ich bin ein Gemisch von Hamlet und Don Quixote.“ Und dann dichtete er Heinrich Heine um, den er in Paris kennengelernt hatte: „Im schönen Monat Mai kroch Richard Wagner aus dem Ei; es wünschen viele, die ihn lieben, er wäre lieber dringeblieben.“

Spandlitz lernte Steinmetz, arbeitete als Steinbildhauer an dem Wiederaufbau der Frauenkirche mit. Er absolvierte ein Praktikum bei Thomas Reichstein, der mit seinen Skulpturen stets präsent ist und sich gerade in Cunnersdorf ein Refugium baut.

Zur Kunst gehört ewiges Lernen und Scheitern, das weiß Florian Schneider, das wusste auch Wagner. Er, also Wagner, lernte beim Leipziger Musiklehrer Sipp Geige spielen und quälte damit Mutter und Geschwister. Der Lehrer meinte, er hätte eine rasche Auffassungsgabe, doch sei faul. „Er war mein schlechtester Schüler.“ Wagner ging nie wieder an die Geige, lernte Klavier, aber schätzte ein, dass er es spiele wie „eine Ratte Flöte“. Doch die Musik half ihm. Das begriff er schnell.

Es gehört zu den sächsischen Eigenheiten, dass all diese Schulen, die Wagner in Leipzig und Dresden besuchte, eine Kultur ausbilden, die der Komponist schon damals einsog wie später den Schnupftabak. Und so repräsentiert er den sächsischen Geist zwischen Anpassung und Renitenz. Mit ihren Staatsmännern machten und machen die Sachsen keinen Staat, ihre Feldherren überließen anderen das Feld. Nur ihre Geistesgrößen sind nie kleine Geister gewesen. Der kleine Wagner, für dessen Verehrer er 1,66 Meter groß war und für dessen Feinde 1,55, hatte von Anbeginn den Drang, ein Großer zu werden. Die Weltgeltung der Sachsen war nie Politik, sondern immer ihre Kultur. Des Sachsen Zeugnis sieht so aus: Irdisches mangelhaft, Überirdisches sehr gut. Richard Wagner lebte genau das.

Und das reflektiert sich in den Bildern von Spandlitz. Er figuriert Wagner in Harmonie. Eine Diva, ein Egoist, der nach Aufmerksamkeit gierte. Heute könnte man meinen, der Musiker stand unter Drogen wie Robbie Williams, wenn der seinen Fans das blanke Hinterteil entgegenstreckt. Ja, Wagner schnupfte tütenweise Tabak, aber vor allem litt er an einer Überdosis seiner selbst. Er sagte: „Das Schnupfen ist eigentlich meine Seele.“ Bei ihm weiß man nie. Er liebte es, sich als französische Kurtisane zu verkleiden. Aber nicht nur das. Einmal verkroch er sich in der Semperoper unter einen Tisch und bellte wie ein Hund. So erinnerte sich eine Sängerin an den Dresdner Hofkapellmeister.

Wissenschaftler suchen heute noch immer nach dem Charakter eines Mannes, den manche für charakterlos halten, der von seinen Fans nach wie vor mit Lorbeerkränzen behangen wird, den seine Feinde einst mit faulen Eiern bewarfen oder ihn noch immer als Hitlers Endzeit-Komponisten bezeichnen. „Es ist viel Hitler in Wagner“, schrieb Thomas Mann. Bei Spandlitz ist nichts von dem Missbrauch Wagners zu sehen. Er setzt ganz bewusst ein Gegenteil, vielleicht für den einen zu harmonisch, zu schwerelos, aber vielleicht genau deshalb für andere angenehm und humorvoll.

Wagner flüchtete vor allem vor sich selbst in einen speziellen Humor. Das war seine Welt. Nicht zuletzt prägte er damit das Bild des Sachsen, der bis heute als nationales Lachopfer gilt. Und zwischen all dem Witz blinkt doch immer wieder Courage. 1849 forderte Richard Wagner ganz revolutionär die Abschaffung der Hofoper, zudem die Vernichtung des Kapitals als Grundübel der Gesellschaft und hoffte zugleich, die neue Ordnung werde seine Tantiemen anheben. Er verspielte jedoch damit seine Anstellung auf Lebenszeit. Er musste fliehen, wurde steckbrieflich gesucht.

Spandlitz, damals noch Florian Schneider, zog 2005 von Dresden nach Berlin. Von Überschuldung ist nichts bekannt. Er durfte ja nach einigen Jahren auch an die Elbe zurückkommen. Seine Perspektive auf den großen Sachsen Wagner, auf die Musikalität der Sachsen behagt, gefällt, erleichtert. Wagner schrieb später, als er in Bayern lebte, in einem Brief: „Der, für den ihr mich haltet, bin ich nicht. Und der, der ich bin, den kennt ihr nicht. Im Übrigen bin ich fest überzeugt, dass mich niemand ernstlich hassen kann, außer wenn er sich über mich irrt, – was mir dann am Ende Humor erweckt und so die einzige Freude gewährt, deren ich fähig bin.“

In diesem Sinne, viel Spaß bei dieser ausgezeichneten Ausstellung.

Dr. Peter Ufer,

Journalist, Autor, Moderator





von  Karin weber


„Schwer auszumachen“, Pirna, Rathaus und Bürgerhaus am 1.010.18


Es kommt in der Kunst darauf an, beredt zu schweigen, etwas anzusprechen, aber nichts auszusprechen, das Geheimnis zu wahren, etwas anklingen lassen, damit es wieder ausklingt und ein jedes Begreifen dann wieder ein neues Geheimnis aufschließt.

In diesem Sinne verstehe ich die Arbeiten von Florian Schneider, der seine Werke  mit dem Pseudonym Spandlitz signiert und seiner hiesigen Ausstellung in Pirna dementsprechend den Titel „Schwer auszumachen“ gab.

Die bewegt spannungsreiche Oberflächenfaktur seiner Bildwerke  erzeugt eine Folie, die konserviert und einen individuellen, intellektuellen wie gefühlsbetonten Zugriff durch den phantasiebegabten Betrachter ermöglicht.

Zarteste Momentaufnahmen einer intensiven Beobachtungsgabe von Welt, von weiblichen Personen, definieren sich aus einem vermeintlichen Innehalten des Lebensflusses. Der Künstler  konzentriert sich auf Form, Zeichnung, Material, Oberfläche. Sein Unterbewusstsein gräbt immer wieder Spuren in den Malstrom, um den Aggregatzustand des „Vorübergehenden“ zu erzeugen, der seinen Arbeiten ihre eigenwillige Signatur verleiht.  

Die traumwandlerische Sicherheit, mit der Spandlitz aus der soliden Handwerklichkeit eines nuancenversessenen Augenmenschen Kapital des Vieldeutigen, Vielschichtigen schlägt, lässt Bilder von faszinierender Stimmigkeit und Sinnlichkeit entstehen.

Es gelingt ihm, den ästhetischen „salto mortale“ auf die Beine des Bedeutungsträchtigen zu stellen, das verfeinerte visuelle Angebot nicht als Leerlauf des Raffinierten erscheinen zu lassen. Seine Ergebnisse sind immer subtile Lektionen in punkto Feinkultur, Anleitungen zum Sehen, Erkennen und Assoziieren. Das Verborgene wächst in zart vibrierenden, schwingenden Licht-Farb-Räumen ins Sichtbare. Der Künstler erfasst metaphorisch und figürlich sozusagen den Zustand des DAZWISCHEN von Werden und Vergehen.


Mitte der 90er Jahre entstanden die ersten freien plastischen Arbeiten, in denen er konkret konstruktive und kubistische Kompositionselemente verwendete, sich auch an der Pop-Art orientierte oder satirische Genreszenen entwickelte. 

Er ist sowohl Stratege, der sich die Farbpalette auf den Bildern vorgibt, als auch staunender Zauberer und negierender Zweifler. In einem archaischen Zwiegespräch von Farben, Formen und Strukturen verwächst sich die Unendlichkeit der Gedanken. 

„In Wahrheit ist die Größe eines Künstlers daran zu ermessen, was er verschweigt, um uns das Unaussprechliche selbst schweigend sagen zu lassen.“, davon war der Sachse Richard Wagner überzeugt, zu dessen Werk ebenfalls von Spandlitz gearbeitet wurde. 

Die künstlerische Handschrift insistiert auf sinnlich-anschauliche Wahrhaftigkeit, auf die Erhellung existentieller Zustände. Das Fragile der Existenz, persönliche Fragen und Zweifel sind von großem Interesse. Es handelt sich letztlich um Werke einer tief empfundenen Menschlichkeit, in dem auch das Verantwortungsgefühl des Künstlers zum Ausdruck kommt, sich seiner Zeit nicht zu entziehen, sondern auch Schmerzhaftes bewusst zu  machen. Im Mittelpunkt stehen auf den Tafelbildern weibliche Wesen, die sich kaum dem Betrachter zuwenden, die in sich versunken sind, nachdenklich sind, die einfach nur da sind, so als würden sie auf etwas warten. Spandlitz versinkt nicht in die geheimnisvolle Schönheit, sondern überzieht die Oberfläche mit abstrakten Pinselspuren, gespritzt oder gerakelt. Er löscht aus, um etwas Neues entstehen zu lassen und sei es im Kopf des Betrachters. Jede Arbeit trägt einen Titel, der Anregungen vermittelt, seiner eigenen Interpretation zu folgen.

Mit leichter Hand schreibt er zeichnend faszinierende Kompositionen mit Tuschen auf die Papiere, die unsere Welt mit viel Bewegung und energetischem Fluss beschreiben und den Betrachter mitunter auch schmunzeln lassen. Anspielungen stehen auf der Tagesordnung, die eine wunderbare Strahlkraft besitzen, witzig, poetisch, geheimnisvoll und kollosal erfrischend.

Gehen sie mit den Augen spazieren und entschlüsseln sie die Lebensfragmente, die Räume einkreisen, irgendwo im Nirgendwo, Räume der Leidenschaften, der Melancholie, Räume, in denen wir irgendwie zu Hause sind, in denen sich die Erosion unseres Lebens, unserer Zeit abspielt, Räume in denen Verlust und Gewinn akkumuliert sind.

Am Anfang ist das Sehen. Und dann verbinden sich die sichtbaren Zeichen mit den eigenen Vorstellungen und das „schwer Auszumachende“ bekommt einen Sinn.


Karin Weber

Galleristin und Kunstwissenschaftlerin


von Anna Schinzel


„VERSUCHSWEISHEITEN – eine ironische Reise in den Alltag“


„Ironie [...] ist das Körnchen Salz, durch welches das Aufgetischte überhaupt erst genießbar wird." Diesen Satz schrieb Thomas Mann 1939 in seinem Roman Lotte in Weimar nieder. Johann Wolfgang von Goethe soll ihn gesagt haben.  14 Jahre später äußerte sich Thomas Mann in einer Radiodiskussion   wie folgt: „Eine sehr merkwürdige Äußerung. Man könnte aus ihr schließen, dass Goethe die Ironie fast mit dem Prinzip des Künstlerischen überhaupt übereinstimmen lässt, zusammenfallen lässt. [..] Objektivität ist Ironie – und der epische Kunstgeist; man könnte ihn als den Geist der Ironie ansprechen." Nach Thomas Mann bedeutet Ironie   insofern keinen Widerspruch zum Prinzip der Objektivität, so der Germanist  Bernd W. Seiler, als sie sich in ihrer umfassendsten Form auf schlechthin alles erstrecke, Distanz gegenüber  allem  sei. Ironie ist „ein heiter das Ganze umfassender Blick“.

Der Bildhauer Florian Schneider alias Spandlitz bedient sich einer feinfühligen, teils humorvollen, teils rätselhaften Ironie, die weder Spott noch Hohn, weder Zynismus noch Sarkasmus kennt.  Eine Ironie, die im Sinne von Thomas Mann „ein heiter das Ganze umfassender Blick“ ist.  Es geht Spandlitz vor allem um Unterhaltung.  Darum, mit seinen Arbeiten uns als Betrachter zum Schmunzeln zu bringen.

Wie mit der 2014 entstandenen Plastik „Tasse Kaffee“ zum Beispiel.  Als Werbemotiv dieser Ausstellung, dürfte die umgekippte Tasse bereits ins Auge gefallen sein.  Sie scheint frei im Raum zu schweben.  Leicht gekippt, ergießt sich aus ihr ein Strahl Kaffee auf den Sockel unter dieser.  Erst auf den zweiten Blick ist am Fuß des Sockels eine weitere Kaffeepfütze zu entdecken.  Die Illusion der schwebenden Kaffeetasse zieht uns als Betrachter in den Bann, zaubert uns ein Lächeln auf die Lippen. Doch, wie ist es möglich, dass die „Tasse Kaffee“ in der Luft steht? Fragen nach der Technik und Materialität drängen sich unwillkürlich auf ... Nichts weiter als eine handelsübliche Porzellantasse, ein Holzfuß, ein Metallstab, Spachtelmasse, Kleber und Lackfarbe waren nötig, um die Illusion zu zaubern.  Eine scheinbar perfekte Täuschung, die sich selbst nicht als solche enttarnt.

In den Arbeiten von Spandlitz geht es jedoch nicht nur alleine um Unterhaltung, wie man auf den ersten Blick meinen mag.  Bei allem Humor liegt ihnen eine große Ernsthaftigkeit zugrunde. 

In der Täuschung werden wir als Betrachter zu einer vielfältigen und herausfordernden Betrachtung angeregt, die zur Erkenntnis führt.  Erst wenn wir die Illusion entlarvt haben, beginnen wir zu sehen. Beginnen wir die Form, die Struktur, die Linien, das Material bewusst wahrzunehmen und entdecken hinter der Patina einen Humor, der Systeme augenzwinkernd und ernsthaft zugleich betrachtet, der Sprache, Logik, Gesellschaft, dem Alltag und  dem System Kunst auf  die Spur geht.


Die Ausstellung „Versuchsweisheiten“ spiegelt Spandlitz die ganze Bandbreite künstlerischer Entfaltung der vergangenen 13 Jahre.  Wandlungsreich und vielseitig schafft er Skulpturen und Plastiken, die mal schwer anmuten, mal von schlichter Eleganz gekennzeichnet sind, mal statisch, mal in Bewegung. Und doch ist fast allen Werken eines gemein:  Sie entstehen aus Teilen und zerfallen wieder in Teile.  Mitunter werden auch Elemente weggelassen oder bewusst hervorgehoben.  Die collagenhafte Formfindung wird zum zentralen formalen Bestandteil des künstlerischen Schaffensprozesses, der assoziativ wie intuitiv ist. Dabei verwirft Spandlitz zumeist das ursprüngliche Konzept, um eine neue Idee umzusetzen.  Dieses Prinzip manifestiert sich letztlich auch im Spiel mit Licht und Schatten, wodurch die Dramaturgie der Schattenwirkung vorgegeben und Räumlichkeit erzeugt wird.

Bei näherer Betrachtung der insgesamt 53 ausgestellten bildhauerischen Werke zeichnet sich eine Entwicklung von abstrakten Formen mit sanften und schwingenden Umrissen hin zur Figuration.  Anfänglich noch mit Beton, arbeitete Spandlitz zunehmend in Holz und mit Metall, jüngst auch in Bronze. Mit der Zeit kam auch die Farbe als Mittel der Unterhaltung neu hinzu. Kennzeichnend für Spandlitz ist nicht nur die breite Palette seiner Formensprache, s sondern vor allem die Freude am Experiment mit ungewöhnlichen Materialien wie Apfelkernen und Kaffeesatz.  Seine heiteren, von Ironie und Irritation geprägten Arbeiten sollen unterhalten. „Der Humor ist der direkte Draht zum Herzen der Besucher“ ist der Künstler überzeugt.

Doch nicht jeder versteht Humor oder Ironie, nicht jedem geben sie das gleiche, und was humorvoll oder ironisch sein will, funktioniert auch nicht bei jedem. Vielleicht ist dies auch der Grund, warum sich so wenige Künstler insbesondere in der Bildhauerei bislang diesem Metier widmeten ... Das ist eigentlich bedauerlich, denn Humor und Ironie sind unterhaltsam, politisch, regen zum Denken an, verändern, setzen in Erstaunen und Zwingen zum Lachen. Spandlitz findet in den unterschiedlichen Facetten von Humor und Ironie zu seinem persönlichen Ausdruck. Als Mittel des Spiels und der Hinterfragung, der Analyse oder als Kritik begegnen wir als Betrachter diesem.  Auch Titel wie „Welt aus den Fugen“ oder „Schräger Vogel“ erweisen sich als Sprach- und Wortspiele, die amüsant Bezug zu dem Dargestellten nehmen.

Gleichwohl kann Humor und Ironie auch im Spiel mit den Erwartungen des Betrachters ausgemacht werden, den Erwartungen des Künstlers an sich selbst, als Spiel mit den formalen Mitteln der Kunst und deren Inhalten. Immer wieder finden sich im Werk von Spandlitz kunsthistorische Bezüge, die sich wie ironische Fußnoten durch die Ausstellung ziehen:

Die Plastik mit dem Titel „Kubisches Konstrukt“ von 2005 zum Beispiel.  Als eine der frühesten Arbeiten in der Ausstellung ist sie noch ganz der abstrakten Formensprache zugewandt. Geometrische Grundformen wie kleine Kugeln oder größere Halb- und Viertelkugeln sind turmartig aufeinandergestapelt.  Mit ihren abstrakten, schlichten Formen erinnert die Plastik „Kubisches Konstrukt“ von Spandlitz an die konkrete Kunst des Bauhaus-Schülers Max Bill.  Für den Schweizer Künstler Max Bill ging es seit den 1930er Jahren grundlegend um die Visualisierung mathematischer Inhalte, um eine mathematische Denkweise in der Kunst. Mathematik begriff er jedoch nicht als exaktes und statisches, sondern als organisches und belebtes System. „Konkretion ist Gegenständlichmachung von etwas, das vorher nicht sichtbar, nicht greifbar vorhanden war. Abstrakte Ideen, Verhältnisse, Gedanken sichtbar machen, das ist Konkretion", so Max Bill.  Durch Aufschneiden, Verdrehen und erneutes Zusammenfügen der ursprünglichen Form entstanden Kompositionen als Realisation   von Ideen und Konzept.  Dieses Prinzip finden wir wiederholt auch in den frühen Arbeiten von Spandlitz.  Exemplarisch sei a auf die Plastik „Welt aus den Fugen“ von 2002 verwiesen.  Aus einer entlang der Mittelachse in Viertel unterteilten Kugel aus Gips sind die einzelnen Elemente unterschiedlich herausgezogen, wodurch zusätzliche Oberflächen entstehen. Dieses Kugeläquivalent strebt auseinander und ist dennoch fest verbunden.

Auch die 2004 entstandene Skulptur „Kopf“ aus rotem Mainsandstein greift kunsthistorische Bezüge auf.  Das flächige Profil einer wahrscheinlich männlichen Gestalt erinnert in seinen Umrissen an die Stahlskulpturen des 1936 in Heppenheim geborenen Künstlers Horst Antes.  Er gilt als Mitbegründer einer neuen figurativen Kunst in Deutschland Ende der 1950er Jahre. Kennzeichnend für Horst Antes ist die Rückkehr zur figürlichen Form, sein Markenzeichen sind die von ihm erfundenen „Kopffüßler“ – eine heiter-ironische Kunstfigur, die keinen Hals, wenig Brust und Bauch besitzt, Kopf und Füße scheinen in eins überzugehen. „Die Gegenstände sind Projektionen von innen her, vom Menschen her", so erklärte der Künstler 1970 die Deformiertheit und Reduzierbarkeit des Menschen auf eine flächige Form.

Spandlitz‘  Auseinandersetzungen mit verschiedenen Stilen, Epochen und Künstlerpersönlichkeiten  des 20. Jahrhunderts  kann noch weitergeführt werden, soll an dieser Stelle  jedoch nur angedeutet werden:  Zu nennen sei n eben der  kubistischen  Reduzierung eines  Objektes  auf  geometrische  Figuren,  um verschiedene  Perspektiven a uf  ein und dasselbe  Objekt darzustellen, auch die Parallelen  zu den überlängten,  dünnen Figuren des Schweizer Bildhauers  Alberto  Giacometti  mit ihren zerfurchten,  aufgerauten Oberflächen. Auch die Dresdner Kunstgeschichte spiegelt sich im Werk von Spandlitz wider:  Die flirrenden Farbstrukturen der Künstler Gerda Lepke und Max Uhlig finden ihr Pendant in den bruchstückhaften Konstruktionen aus Ahornholz – wie beispielsweise in der überlebensgroßen Plastik „Erscheinung“ von 2012. Mit seinen Arbeiten erforscht Spandlitz die kunsthistorischen Vorbilder und interpretiert sie neu.

Beim Betreten der Ausstellung neben dem Werbemotiv der Kaffeetasse auch die Plastik „Banana Total“ von 2014 ins Auge gefallen.  Auf einem Sockel liegen sechs Bananen wie in dem Geschicklichkeitsspiel Mikado übereinander aufgefächert, lehnen aneinander bzw. sind ineinander verkeilt, ohne dabei ins Schwanken zu geraten.  Sie bilden ein Konstrukt, das, so fragil auf den ersten Blick erscheint, im Gleichgewicht ist.

100 Jahre ist es her, dass der französisch-amerikanische Künstler Marcel Duchamp ein „Fahrrad-Rad“, ein industriell hergestelltes Drahtgestell zur Flaschentrocknung und e in mit „R. Mutt“ signiertes handelsübliches Urinal aus einem Sanitärgeschäft zur Kunst erklärte.  Damit stellte Marcel Duchamp den tradierten Kunstbegriff radikal in Frage.  Mit seinen sogenannten „Ready-Mades“, einem Kunstwerk, das aus vorgefundenen Alltagsgegenständen oder Abfällen hergestellt wird, etablierte Marcel Duchamp „die Idee der Wechselwirkung zwischen Kunst und Alltagsleben.“  Ein halbes Jahrhundert später griffen Künstler wie Andy Warhol den „gefundenen Gegenstand“ als zentrales Element ihrer Kunst wieder auf und erhoben Alltagsgegenstände zur Kunstform. Seit die Pop Art die Welt des Konsums zum Thema machte, sind Motive wie die Banane nicht mehr aus der Kunst wegzudenken.

Mit seiner Plastik „Banana Total“ knüpft Spandlitz an diese kunsthistorische Tradition an, um gleichwohl  die  tradierten  Sehgewohnheiten  ironisch  zu befragen,  indem  er sein Werk dekonstruktiven  Prozessen  aussetzt.  Dabei legt er Schichten frei und neu wieder zusammen. Elemente bleiben ausgespart, Teile fehlen.  Mittels dieser collagenhaften Formfindung zeigt Spandlitz die Balance zwischen der bildlichen Darstellung von Kunst und dem Objektcharakter der möglichen Formen. Der Künstler kreiert eine atmosphärisch dichte Erzählung, die beim Betrachter die Illusion hervorruft, das Bananen- Ensemble sei zum Anbeißen echt. Dabei bewirkt das Zusammentreffen von Alltagsrealität und geistiger Vorstellungswelt die Ironie – eine Ironie des Alltags.


Neben den bildhauerischen Arbeiten von Spandlitz werden in der Ausstellung 20 Arbeiten auf Papier präsentiert.  So vielfältig und facettenreich die Skulpturen und Plastiken des Künstlers sind, so unterschiedlich sind seine Zeichnungen in Tusche, Kohle und mit Grafit. Verschiedene Stile treffen aufeinander.  Es lassen sich Blättern mit expressiv - gestrigem Pinselduktus, der flüchtig hingeworfen, doch das Charakteristische scharf erfasst, entdecken – ebenso wie Zeichnungen, in denen Licht- und Schatten - Kontraste sowie konstruktive Elemente dominieren. Dabei gehen die grafischen Arbeiten von Spandlitz mit seinen bildhauerischen eine Symbiose ein.

Mit einem offenen und „heiter das Ganze umfassenden Blick“, um den Bogen zu Thomas Mann zu schließen, treffen Sie dabei auf Arbeiten, die zum Schmunzeln, aber auch zum Nachdenken anregen.  Was zeichnet Humor und Ironie aus? Wie äußern sie sich in der Kunst? Aber Vorsicht: Die Illusion ist allgegenwärtig ...


Anna Schinzel

Kunsthistorikerin

von Dr.Jördis Lademann


Sichtung der Form, Kunstgalerie am WH, 12.4.13 

gemeinsam mit Frank .K. Richter


Zwei junge dresdner Künstler analysieren neue Wege


In unserem Fall hier liegen die Dinge so, dass der  Künstler die Mechanismen hinter der Form zu ergründen sucht. Und indem er sie verfremdet, will er sie offensichtlicher machen.


Ein gewisser Spieltrieb spricht sich ja schon in der Annahme seines „Künstlernamens“ aus. 

 War das eine Laune oder etwa ein Bekenntnis ?


Ich finde, insgesamt trifft er wohl ganz gut: er hat etwas spitzbübisches und lässt an Spanten, also an Holzplanken denken, und Holz ist ja gerade in den letzten Jahren ein wichtiges Material für Sie geworden.


Aber auch für Sie, auch für Spandlitz, ist ein ernsthaftes Sichten der Form unabdingbare Voraussetzung für die Arbeit. In der entsprechenden Kurzcharakteristik heißt das:

Sichten, wichten, fragmentieren, austarieren, konstruieren, neu gruppieren. 

Mit diesen Arbeitsschritten werden plastische Sehgewohnheiten in Frage gestellt.  Außerdem sorgen unübliche Materialien für weitere Überraschungen.


Dass Spandlitz die Mechanismen hinter den Formen zu ergründen sucht und sie, indem er sie verfremdet, offensichtlicher machen will, sagte ich ja eingangs schon.


Dennoch versteht er sich nicht als abstrakter oder konstruktivistischer Künstler. Er bekennt sich, wie die meisten klassischen Bildhauer, zur menschlichen Figur als wichtigstem Gegenstand des plastischen Gestaltens. Besonders fasziniert ihn dabei die realative Symmetrie des Körperbaus.


„Ist unser Antlitz Zufall?“, fragt er sich.

Ihn „interessiert die Unschärfe, die Uneindeutigkeit einer menschlichen Konstruktion. Wir müssen verstehen“, meint er, „dass sich alles aus Teilen bildet und irgendwann in selbige zerfällt. Abnutzungsspuren und Morbiditäten sind Teil meiner Betrachtung, sie haften an allem. Sie beschreiben den Prozess des Alterns, den Ausdruck des Verfalls.“


Das melancholische „Memento mori“ allerdings ist dennoch seine Sache nicht. Er möchte das, wie er selbst sagt, „in unterhaltsamer bis spektakulärer Weise sichtbar machen.“


So lässt er den „Waldmenschen“ aus lauter kleinen Ahornhölzern schlank empor streben, etwas hölzern, etwas ungelenk, ganz ohne den Glanzstücken der menschlichen Anatomie, den Gelenken, den Muskelpaketen oder gar den individuellen Gesichtszügen besondere Aufmerksamkeit zu schenken. Und doch hat er alles, was er braucht, der Waldmensch.


Die „Erscheinung“ hingegen hält sich eher bedeckt, das zeigt sich gut hier, in der vollständigen Weißtönung vor der weißen Wand und wirkt wie Tarnfarbe, aber auch  die ganz leicht zurückweichende Haltung des Oberkörpers, das tatenlose Herabhängen der Arme, das richtungslose Standmotiv der Beine und das verdutzte sich selbst vor die Füße sehen, verleihen der Figur einen ziellosen, vielleicht sogar ratlosen Charakter.


Ganz anders der Impetus des zwar kleineren, aber um so viel mehr Bewegungsfreude versprühenden „Maschinenmenschen“. Zuckt Ihnen da nicht auch die Hand, einmal den Versuch zu wagen und an der Kurbel zu drehen?

Aber - nein  - nein – Spandlitz ist kein Mechaniker, es geht ihm nur um die Form, die derartige Aktivierung auslöst. 


Die anderen Figuren aus Gips, Beton und Sandstein, die „Welt aus den Fugen“, die „Disperson“ und  die „Maschine“ zeigen durchaus Züge kubistischer Plastik, deren Reich weder die Domäne der Wissenschaft noch des Verbalen, sondern allein des Bildnerischen ist.


Auch die kleine „Komposition aus 12 Kugeln“, die Frau Petrow hier schon etwas länger stehen hat, zeigt eine kubistisch zergliederte Mehransichtigkeit. 

Grundsubstanz der Modelliermasse ist dort übrigens, wie bei der frechen Herrchen mit Hund-Gruppe „Unter den Linden“: Kaffeesatz !


(Liegt natürlich die Vermutung nahe, dass bei Familie Schneider oder auch nur bei Spandlitz allein  - regelmäßig größere Mengen dieses Substrats anfallen.

Da ist es doch eine hübsche Idee, es wieder – und hoffentlich „nachhaltig“ - in den Kreislauf des Tagesgeschäfts des Bildhauers zurück zu führen.)


Aktivität, geistige, wie körperliche, versprühen die Arbeiten in den hinteren Räumen allemal: die gar nicht hölzern wirkende, pirouetten-drehende „Frau in blau“, flankiert von der „Ballerina“ und einem Athlethen, genau wie die „Falsche Schlange“ und die drei kleinen Bronzen, hinten auf der Kommode.


Voll Harmonie und innerer Gelassenheit, in schönlinigen, wohlgerundeten Formen, fängt die sandsteinerne „Seele“ all diese wohl koordinierte Bewegtheit auf.


„Kunst ist geistige Nahrung.“, meint Spandlitz: „Nachfolgende Generationen werden uns an dem messen, was wir ihnen hinterlassen,  das ist des Künstlers VERANTWORTUNG.“


Dr. Jördis Lademann

Kunstkritikerin